Heinrich Volbert Sauerland: 1868 bis 1872 (Folge III)

Eine schillernde Persönlichkeit leitet die Rektoratsschule Steinheim

Dreieinhalb Jahre hat Thomas Parensen die Steinheimer Rektoratsschule geleitet, als er 1868 einem Ruf nach Erfurt folgte, um dort eine Stelle als Domvikar anzutreten. Bereits 1870 kehrte er als Gymnasiallehrer nach Brilon zurück.

Damit musste die Stelle des Rektors neu besetzt werden. Die Nachfolge trat eine ebenso umstrittene wie schillernde Persönlichkeit an: Heinrich Volbert Sauerland (1839 bis 1910) aus Dortmund, der als "roter Kaplan" bekannt wurde. Geboren als Sohn eines Drechslers in Arnsberg studierte er nach dem Abitur in Münster und Paderborn. 1863 erfolgte die Priesterweihe in Paderborn, 1865 die Versetzung als Kaplan nach Dortmund. Hier wird sehr früh eine distanzierte Haltung zu den priesterlichen Pflichten erkennbar. Sauerland knüpfte Kontakte zu linksliberalen Politikern der Fortschrittspartei. Sein Eintreten und sein ausgeprägtes soziales Engagement führten in der Folge zu Konflikten mit konservativen Kreisen Dortmunds. Sein politischer Einsatz rückte seine Person ins Zentrum, die das Ziel verstärkter Agitation wurde.

Der Druck auf den Paderborner Bischof Martin wurde immer größer, den "roten Kaplan" aus Dortmund abzuberufen. In einem Bericht eines Probstes wird sogar der Vorwurf erhoben, "dass Sauerland in Weinstuben und auf Kegelbahnen verkehre, dass er jungen Mädchen nachgegangen sei und keineswegs als Priester zu sehen sei, wie er für Dortmund tauge". Die Schilderung der Tätigkeit Sauerlands als zweiter Rektor der Schule in Steinheim geht auf einen Artikel zurück, den Josef Menze, der frühere Stadtheimatpfleger und Lehrer der Realschule verfasst hat. Auf einen quellenmäßigen Einzelnachweis wird daher verzichtet.

Der Paderborner Bischof Konrad Martin war dem Gesuch aus Steinheim gefolgt, die Stelle wieder mit einem Geistlichen zu besetzen. Seine Wahl fiel auf Sauerland, der das Examen "pro schola" jedoch noch nicht abgelegt hatte, aber versprach, es schnell nachzuholen. Der Bischof richtete gleichzeitig ein Gesuch an die Königliche Regierung in Minden, dem künftigen Rektor die einstweilige Wahrnehmung des Unterrichts zu gestatten. Diesem Ersuchen kam die Regierung mit der Auflage nach, dass Sauerland auch das Schulleiterexamen "pro rectoratu" ablegen solle. Auch werde erwartet, dass der Rektor der ihm anvertrauten Jugend "in Lehre und Wandel überall mit gutem Beispiel vorleuchten" und "sie in der Furcht Gottes zu treuen und gehorsamen Untertanen seiner Majestät des Königs erziehen werde". Trotz aller Widersprüchlichkeiten stellte die Versetzung nach Steinheim wohl keine Bestrafung dar.

Am 1. April 1868 wurde Sauerland durch den Landdechanten Sude aus Lügde als Leiter der Rektoratsschule Steinheim in sein Amt eingeführt. Gleich nach seinem Amtsantritt forderte er für das Gedeihen der Schule einen zweiten Klassenraum, "möglichst in der Nähe des bestehenden". Der Rat beschloss das vom Polizeidiener benutzte Zimmer als Schulstube einzurichten. Den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht übernahm mit zehn Wochenstunden der Kaplan Pieper, der in München, Tübingen und Münster neben Theologie auch Mathematik studiert hattu. Im Juli 1869 beantragte Sauerland beim Magistrat, ihm einen Garten zu verpachten. Seine Bitte begründete er mit dem Fehlen eines Gemüsemarkts in Steinheim und mit dem allgemeinen Brauch, den Lehrern in kleineren Städten einen solchen Garten zuzuweisen. Der Magistrat beschied das Gesuch positiv mit dem Zusatz, dass der Rektor den Gasten auf eigene Kosten anlegen müsse und gewährte dafür fünf Taler Zuschuss.

Die Stadtchronik bescheinigt dem Rektor Sauerland pädagogische Erfolge. Im Jahre 1872 heißt es: "Die Rektoratsschule war unter Leitung des sehr tüchtigen Rektors Sauerland und unter Mitwirkung des Kaplans Pieper immer mehr in Aufnahme gekommen und zählte in diesem Jahr 30 Schüler." Probleme mit dem neuen Umfeld hatte Sauerland nicht. Er verstand sich in Steinheim mit seinem Amtskollegen wie mit der städtischen Behörde unter dem stramm preußisch ausgerichteten Bürgermeister Wichmann sehr gut. Das war möglicherweise dem Umstand zu verdanken, dass er mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester nach Steinheim gekommen war. Das Rektoratsexamen hat er noch im September 1868 erfolgreich abgelegt.

Pieper hat sich aber wenige Jahre später das Wohlwollen des Bürgermeisters verscherzt. Über ihn heißt es in der Chronik von 1877, dass Kaplan Pieper seine Stelle als Lehrer an der Rektoratsschule niederlegte. "Er war hierzu veranlasst worden, weil er leicht ein Glas zu viel trank und den Unterricht in der Schule vernachlässigte." Sauerland blieb bis zum 1. Oktober 1872 in Steinheim, um danach ein Studium der Philologie zu beginnen. Versuche ihn zu halten, waren erfolglos geblieben. 1875 promovierte er in Göttingen zum Doktor der Philosophie, mit einer Arbeit über "Dietrich von Niem". Ab 1875 hat Sauerland eine Anstellung am kaiserlichen Lyzeum in Metz gefunden. 1876 fand er eine Stelle als Lehrer am kaiserlichen Real Progymnasium in Gebweiler. 1877 schließlich wurde er am Städtischen Gymnasium Frankfurt als ordentlicher Lehrer in der VI. Gehaltsklasse angestellt. Am 28. Januar berichtete das Zentrumsblatt "Germania", dass der Gymnasiallehrer Sauerland aus der katholischen Kirche ausgetreten war.

Sauerlands berufliche Karriere in Frankfurt war 1885 endgültig beendet, als er aus dem Dienstverhältnis entlassen wurde. Nachdem er sich mit der katholischen Kirche wieder versöhnt hatte, konnte er sich bis zum Ende seines wechselvollen Lebens in Rom einer regen wissenschaftlichen Tätigkeit in den vatikanischen Archiven widmen. Bei seinen Forschungen stieß Sauerland auf Materialien, die auch für Steinheim von großem Interesse waren: einen lateinischen Aufsatz des großen Reiner Reineccius (De oppido Steinhemo, ditionis Paderbornensis, commentariolum).

Sauerland starb in der ewigen Stadt, begraben ist er auf dem deutschen Campo santo. Seine Anhänglichkeit an Steinheim und die Rektoratsschule hat er in einem Brief kurz vor seinem Tod bekannt, als er einen Teil seiner Büchersammlung der Bibliothek der Rektoratsschule vermacht hat.

 Als "roter Kaplan" aus Dortmund wurde Heinrich Volbert Sauerland bekannt, der zwischen 1868 und 1872 die Leitung der Steinheimer Rektoratsschule innehatte. Unter seiner Leitung gewann die Schule an Ansehen und schaffte einen beachtlichen Aufschwung.

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